WIRTSCHAFTSNOBELPREISTRÄGER 2015: ARMUTS- UND KONSUMFORSCHER ANGUS DEATON

15. Dezember 2015
E. Flieger

Foto: Angus Deaton
Photo by Princeton University, Office of Communications, Denise Applewhite (2015)

Als Angus Deaton für die "Analyse von Konsum, Armut und Wohlfahrt" als Preisträger für den Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel a.k.a. Nobelpreis bekannt gegeben wurde, waren sich selbst die Kritiker dieses seit 1969 verliehenen umstrittenen Preises einig, dass dies eine gute Wahl sei. Nicht nur an Deatons Heimatuniversität Princeton war die Freude groß, auch Kollegenreaktionen fielen geradezu euphorisch aus wie z. B. die von Harvard-Ökonom Amitabh Chandra, der von Angus Deaton als dem Obi-Wan Kenobi of Economics schwärmt.

Am 8. Dezember hielt Deaton in Stockholm seine Nobel-Vorlesung Measuring and understanding behavior, welfare and poverty, bevor er am 10. Dezember den Preis aus den Händen des schwedischen Königs entgegennahm.

Das wissenschaftliche Werk Deatons ist vielfältig. Er ist tätig auf dem Gebiet der Entwicklungsforschung, der mikroökonomischen Konsumforschung, der Armutsmessung, der Gesundheits- und Wohlfahrtsanalyse sowie der Glücksforschung. Methodisch tut er dies mit Haushaltsbefragungen. Sein Augenmerk gilt den Entscheidungen von Individuen. Bahnbrechend sein 1997 erschienenes Werk The Analysis of Household Surveys.

Wie Maik Heinemann in seiner Würdigung im Wirtschaftsdienst feststellt, hat er mit diesem Referenzwerk maßgeblich dazu beigetragen, „dass Wohlfahrtsmessungen auf der Basis von Daten über Konsumausgaben und nicht etwa des Haushaltseinkommens erfolgen, da Letzteres in Entwicklungsländern kein verlässliches  Wohlfahrtsmaß darstellt.“  

Die von vielen Entwicklungsökonom/inn/en (als Vertreter seien hier Esther Duflo und Abhijit Banerjee genannt) präferierte Methode Kontrolliert randomisierter Experimente (Randomized Controlled Trial RCT) sieht Deaton kritisch. Ganz aktuell erläutert Deaton seine Vorbehalte in dem 2016 erscheinenden Buch Experimental Conversations von Timothy Ogden. Das Interview wurde vorab veröffentlicht.  

Schon im Frühwerk untersuchte Deaton Faktoren, die den Konsum beeinflussen. Für die Analyse der Haushaltsnachfrage nach Konsumgütern entwickelte er 1980 gemeinsam mit John Muellbauer  An Almost Ideal Demand System, ein Standardwerkzeug, das Nachfragefaktoren bestimmt und auch heute noch sowohl in der Wissenschaft als auch in der Bewertung politischer Maßnahmen eingesetzt wird.

Deaton ist Mitglied der Technical Advisory Group des Weltbankprojekts  International Comparison Program zur länderübergreifenden Schätzung von Kaufkraftparitäten, das eng mit seiner globalen Armuts- und Ungleichheitsmessung in Price indexes, inequality, and the measurement of world poverty verknüpft ist.

In seinem neuesten großen Werk „The Great Escape - Health, Wealth, and the Origins of Inequality“ beschreibt er 2013, dass die letzten 250 Jahre Fortschritt mehr Wohlstand, aber eben auch mehr Ungleichheit gebracht haben. Und er sieht die Gefahr unverantwortlichen Handelns der „Entflohenen“: „It is one thing for some people to escape deprivation and leave others behind. It is quite another when the escapees use their newfound freedom to block the paths of those trying to find their own way out.”

In diesem Zusammenhang ist auch seine Kritik an traditioneller Entwicklungshilfe zu sehen. Das ernüchternde Fazit: Entwicklungshilfe ist zynisch, schädlich und verhindert den Aufbau eines funktionsfähigen Staates. Hilfsleistungen an Regierungen entkoppeln diese von ihren Bürgern und „unterminieren auch die Entwicklung lokaler staatlicher Kapazitäten“.

Zu Ehren des Preisträgers schaltete das Journal of Political Economy drei der bedeutenden wohlfahrtstheoretischen Aufsätze Deatons online frei.