100 JAHRE ZBW - ENTWICKLUNGSETAPPEN EINER WISSENSCHAFTLICHEN BIBLIOTHEK

„100 Jahre ZBW ist ein bemerkenswertes Ereignis, zu dem ich sehr gerne gratuliere! Mir ist keine Institution bekannt, der eine so bemerkenswerte Transformation von einer Bibliothek zu einer modernen Informationsinfrastruktureinrichtung gelungen ist wie der ZBW."
Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest, Präsident des ifo Institut München

„100 Jahre ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft sind die Erfolgsgeschichte einer Institution, die es immer wieder geschafft hat, ihr Leistungsprofil und ihre Arbeitsschwerpunkte an sich ändernde Anforderungen aus Wirtschaft und Gesellschaft sowie der Wissenschaftspolitik behutsam anzupassen und dabei Standards zu setzen.“
Prof. Dr. Theresia Theurl, Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

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Am 1. Februar 2019 feiert die ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft ihren 100. Geburtstag und blickt zurück auf einhundert Jahre Bibliothekshistorie. 1919 gestartet als kleine Institutsbibliothek mit 8 Angestellten und als Abteilung des Instituts für Weltwirtschaft, ist die ZBW heute eine selbstständige Stiftung des öffentlichen Rechts und Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft mit rund 300 Beschäftigten, einer Forschungsabteilung und Kooperationspartnern aus aller Welt.

Wie hat alles begonnen?

Die Geschichte der ZBW war zunächst königlich. Die Bibliothek war wesentlicher Bestandteil des 1914 gegründeten Königlichen Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel. Stellte in den Anfangsjahren noch jeder Forscher – es waren nur Männer – seine Bücher und Berichte in sein eigenes Büro oder in den Flur, war dies dem Institutsgründer Bernhard Harms schnell zu unprofessionell. 1919 wurde deshalb die Bibliothek als eine eigenständige Abteilung des Kieler Weltwirtschaftsinstituts gegründet. Der Ökonom Eugen Böhler nahm als erster Bibliotheksleiter am 1. Februar 1919 die Arbeit auf. Das war die Geburtsstunde der ZBW.

1920 zog das Wirtschaftsforschungsinstitut vom Schlossgarten ins Gebäude der sogenannten Seebadeanstalt, einem ehemaligen Hotel, ans Ufer der Kieler Förde. Dort fand die Bibliothek nach umfänglichen Umbauarbeiten genügend Platz. Es gab erstmals ein Magazin zur Lagerung der mittlerweile 35.000 Bände sowie einen großen Arbeitssaal, einen kleineren Lesesaal, eine Bücherausgabe, einen Zeitschriftenraum sowie ein ausgefeiltes Telefon- und Rohrpostsystem.

Die Bibliothek nutzerorientiert entwickeln

1924 trat Dr. Wilhelm Gülich an die Spitze – ein Ökonom, der die Bibliothek maßgeblich voranbrachte. Mit Gülich führte ein Mann die Bibliothek, für den die Bibliotheksleitung nicht eine Station auf dem beruflichen Weg war, sondern sein Lebenswerk. Der bei Bernhard Harms promovierte Ökonom erforschte die Bedürfnisse der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschung und dachte die Bibliothek als „Dienerin“ der Forschung. Er war bereit, die Bibliotheksstruktur den Bedürfnissen der Forschenden anzupassen.

Um wirtschaftswissenschaftliche Expertise ins Haus zu holen, ermutigte Gülich seine Mitarbeiterinnen, von denen in den 1920er Jahren noch keine eine Hochschulausbildung hatte, sich im Berufsalltag zu qualifizieren und holte sich zudem wissenschaftlich geschultes Personal ins Haus. Mit dieser Bereitschaft, sich ganz auf das Wesen einer wirtschaftswissenschaftlichen Spezialbibliothek einzulassen, betrat Wilhelm Gülich bibliothekarisches Neuland.

Die Bibliothek während der NS-Zeit

Mit der Machtübernahme des NS-Regimes 1933 waren die goldenen Jahre der Freiheit vorbei. Das Institut für Weltwirtschaft übernahm Forschungsarbeiten im Auftrag der Wehrmacht und erstellte während des 2. Weltkrieges rund 2.000 geheime Gutachten und Ländermappen. Die Bibliothek erhielt umfangreiche Sonderrechte. Bücherverbrennungen und Plünderungen blieben an der Kiellinie aus. Der Zugang zur Literatur wurde jedoch streng kontrolliert und unerwünschte Bücher waren nur noch für Forschende mit Erlaubniskarte einsehbar. Verbotene Bücher bekamen rote Aufkleber, geheime Schriften grüne.

Während des zweiten Weltkrieges war Kiel als Marinehafen und Werftstandort ein bevorzugtes Ziel für Luftangriffe. Dies wusste auch Wilhelm Gülich und wollte die Bibliothek in Sicherheit bringen. Die Vorbereitungen mussten in aller Stille geschehen und nur zusammen mit den engsten Mitarbeiterinnen, denn eine offizielle Genehmigung für eine Auslagerung gab es nicht. 1942 fand Gülich einen geeigneten Ort im Ratzeburger Dom. Mit mehreren LKW-Fahrten wurden Bücher, Kataloge und Technik nach Ratzeburg gebracht. Die Verlegung aller Bestände erforderte 45 Waggons, 6 große Möbelwagen und 24 Lastwagen. Bevor das Institut für Weltwirtschaft zerbombt wurde, waren glücklicherweise sämtliche Bücher gerettet.

Die Bibliothek in den Nachkriegsjahren

Nach Kriegsende sollte die Bibliothek umgehend zurück nach Kiel. Doch Wilhelm Gülich stellte sich entgegen, denn es gab keine geeigneten Räume. 4.000 Quadratmeter wurden benötigt, die Größe eines Fußballfeldes. Doch das war 1945 in einem völlig zerstörten Kiel unrealistisch. Und so blieb die Bibliothek noch bis 1949 in ihrem Exil in Ratzeburg. Ein Fahrdienst transportierte wöchentlich Bücher für die Forschenden nach Kiel und wieder zurück.

Im Sommer 1949 schließlich zog die Bibliothek wieder zurück nach Kiel, in eine Kaserne im Stadtteil Kiel-Wik. Die Presse in ganz Deutschland und auch die internationalen Medien (z.B. Svenska dagbladet; Schweizerische Handelszeitung) berichteten über den Umzug und die Bedeutung dieser wirtschaftswissenschaftlichen Spezialbibliothek.

Die Nachkriegsjahre waren geprägt durch intensives Netzwerken. Die Bibliothek nahm alle ihre internationalen Tauschbeziehungen wieder auf, pflegte Kontakte zur Politik und zu nationalen und internationalen Bibliotheken. Mitte der 1950er Jahre arbeiteten mittlerweile 80 Beschäftigte für die Bibliothek.

1960 starb Wilhelm Gülich. Prof. Dr. Gertrud Savelsberg übernahm für eine Übergangszeit die Leitung. 1961 wurde Dr. Erwin Heidemann, der schon seit 1944 für die Bibliothek tätig war, Bibliotheksdirektor und leitete die Bibliothek 30 Jahre lang.

Die Bibliothek wird Zentralbibliothek in der Bundesrepublik

Die Sammlung der Bibliothek war in den 1960er Jahren nicht nur die größte der Bundesrepublik. Sie war aufgrund ihrer aktuellen und schnell bereitgestellten Werke DIE Forschungsbibliothek für die Wirtschaftswissenschaften. Nach ausführlicher Evaluierung verlieh die Deutsche Forschungsgemeinschaft der Bibliothek an der Förde 1966 den Status der Zentralbibliothek der Wirtschaftswissenschaften in der Bundesrepublik – ZBW. Dies qualifizierte sie gleichzeitig für eine Gemeinschaftsförderung von Bund und Ländern. Ihr offizieller Sammlungsschwerpunkt war nun die Volks- und Weltwirtschaft. Zwei Jahre später wurde der 1.000.000. bibliografische Band katalogisiert.

Dieses „offizielle Gewicht“ legte die Bibliothek in die Waagschale und erhielt 1971 erstmals einen Neubau. Dieses Gebäude entsprach voll und ganz den Bedürfnissen einer wissenschaftlichen Forschungs- und Spezialbibliothek. Zum ersten Mal seit der Auslagerung 1942 befanden sich Forschung und Bibliothek wieder an einem Ort, an der Kiellinie. Das neue Gebäude – der „Kubus“ – war ausgestattet mit neuester Technik und bot Platz für 30 Regalkilometer.

Doch schon wenige Jahre nach dem Einzug in den Kubus reichte der Platz für den wachsenden Bestand nicht mehr aus. 1981 waren die 30 Regalkilometer komplett ausgelastet. Doch nicht nur der Platzmangel war ein Problem, auch Bauschäden machten die Arbeit zunehmend schwieriger. Ein größerer Neubau musste her.

Erste Schritte zur Digitalisierung

All dies fiel in eine Zeit, in der die Bibliothek unter ihrem seit 1992 amtierenden Leiter Horst Thomsen auch inhaltlich neue Wege beschritt. Die noch junge Einrichtung der Online-Zugänge, die es seit 1986 gab, hatte den Anfang der Digitalisierung markiert. Horst Thomsen war nicht mehr wie sein Vorgänger Erwin Heidemann von den Gülichschen Werten geprägt, der die Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft als einen unabhängig agierenden Monolithen in der Landschaft der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Spezialbibliotheken verstand. Thomsen hatte seit Beginn seiner Tätigkeit als Referent in den 1970er Jahren die schrittweise Einführung der Digitalisierung begleitet und setzte nun wie sein Kollege Wolfgang Scherwath am Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA) stärker auf Vernetzung.

Parallel liefen seit 1997 die Vorbereitungen zum Auszug aus dem „Kubus“. Nur für einen Tag schloss die Bibliothek. Am 16. Juli 1998 wurde der Grundstein für das heutige ZBW-Gebäude in Kiel gelegt. Ministerpräsidentin Heide Simonis und der deutsche Wirtschaftsminister Günter Rexrodt mauerten der Tradition entsprechend eine Dokumentenrolle in das Fundament ein. Am 23. Mai 2001 wurde das jetzige ZBW-Gebäude nach Entwürfen des Kölner Büros Walter von Lom mit einer Gesamtfläche von 15.000 Quadratmetern offiziell übergeben.

Zwei starke Wirtschaftsbibliotheken im Norden

Wie von ihren Gründern angestrebt, war die ZBW zum Ende des 20. Jahrhunderts zu einer der bekanntesten und international am besten ausgestatteten, volkswirtschaftlichen Fachbibliotheken aufgestiegen. Für die betriebswirtschaftliche Forschung verteidigte in Deutschland parallel die Bibliothek des HWWA ihren guten Ruf. Ihr Status als Depotbibliothek verschiedener Organisationen von der UN bis zur Europäischen Gemeinschaft unterstrich ihre Bedeutung als betriebswirtschaftliche Fachbibliothek.

Ab den 1970er Jahren arbeiteten die Bibliothek des HWWA und die Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft in einzelnen Projekten enger zusammen. 1990 wurde die ZBW in die Arbeitsgemeinschaft der Blauen Liste des Wissenschaftsrates aufgenommen, der Vorläuferin der Leibniz-Gemeinschaft. Die beiden Bibliotheken in Kiel und Hamburg erstellten gemeinsam den Standard-Thesaurus Wirtschaft und stimmten sich beim Ausbau ihrer Bestände eng ab.

Ein bibliothekarischer Kreis schließt sich

2005 schloss sich ein bibliothekarischer Kreis für die Wirtschaftswissenschaften. Die Bibliothek des HWWA und die Bibliothek des Instituts für Weltwirtschaft fusionierten zum Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft.

Erstmals lief die Versorgung von Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft unter einem Dach. Dieses Dach hieß ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft.

Die ZBW bekam in diesem Zuge nicht nur einen prominenten zweiten Standort. Die ZBW war nun die Bibliothek für alle Wirtschaftswissenschaften in ganz Deutschland.

Eine forschungsbasierte Informationsinfrastruktur

2010 startete die ZBW in eine neue Ära. Mit der Berufung des Informatikers Klaus Tochtermann zum Direktor baute die ZBW 2010 die anwendungsorientierte Forschung in den Bereichen Informatik und Informationswissenschaft auf. Sie wollte sicherstellen, dass die Infrastrukturangebote der ZBW auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren.

Inzwischen befassen sich die an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel angesiedelten Professuren und eine internationale Doktorand*innengruppe unter der Leitung von Klaus Tochtermann mit der Frage, wie die Digitalisierung der Wissenschaft Forschungs- und Publikationsprozesse verändert. In diesem Themenkomplex betreibt die ZBW zudem wissenschaftspolitische Beratung auf nationaler und internationaler Ebene.

Die ZBW ist in ihrer Forschung international vernetzt. Hauptsächliche Kooperationspartner kommen aus EU-Großprojekten, aus DFG-Projekten, aus BMBF-Projekten sowie aus dem Leibniz-Forschungsverbund Open Science. Die ZBW wurde mehrfach für ihre innovative Bibliotheksarbeit mit dem internationalen LIBER Award ausgezeichnet. Im Jahr 2014 erhielt sie vom Deutschen Bibliotheksverband (dbv) den Innovationspreis „Bibliothek des Jahres“. Die Begründung: „Die ZBW ist eine radikal moderne Bibliothek, deren Kunden- und Innovationsorientierung als Vorbild für andere Bibliotheken dienen kann.“

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